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Deighe

Abigail Rook Author
Veröffentlicht von in Eigene Kurzgeschichten · 26 Januar 2020
Tags: Kurzgeschichte
»Und der Schnee fiel.
So lautlos, so sacht.
So kalt, so dicht,
Im Dunkel der Nacht.
Und das Eis taut,
Im Frühjahr, weit hin.
Wie schön es doch ist,
Dass ich am Leben bin
 

Die Sonne ging nicht unter. Das tat sie nie um diese Jahreszeit. Ma erzählte mir manchmal von den Ländern, in denen der Tag hell und die Nacht dunkel waren, egal zu welcher Zeit im Jahr. Wenn ich darüber nachdachte, dann ergab das auch weit mehr Sinn, denn dann konnte man verlässlich die Nacht vom Tag unterscheiden. Zumindest sollte die Sonne nachts vom Himmel verschwinden, denn in den weißen Nächten fiel mir, so wie in dieser Mittsommernacht auch, das Einschlafen schwer. Immer wieder stand ich aus meinem Bett auf, spähte hinter den zugezogenen Vorhang des Fensters und beobachtete die langen, bizarren Schatten der Hügel und der vereinzelten Sträucher, jetzt, da die Mitternacht bereits eine Stunde vorbei war. Im rötlich-fahlen Licht schlich die Sonne den Horizont entlang, als umkreiste sie allein unser Haus in der Mitte dieser Weiten. Ich fragte mich, ob die Leute im Dorf, auf dessen Markt Ma und ich einmal im Monat Gewürze, Zunder und Brennholz kauften und gelegentlich auch gegen Fisch eintauschten, wirklich denselben Sonnenstand sahen, oder ob sie direkt über ihnen schien. Ich wusste, dass das Dorf zu weit weg war, um es von unserem Haus aus zu sehen, dabei gab es um uns herum nichts als eine baumlose Ebene, die sich nur selten zu sanften Hügeln wölbte. Ich machte mir noch eine Zeitlang meine Gedanken, bis ich es aufgab, schlafen zu wollen, das Fenster öffnete und mich hinaus in die helle Nacht lehnte. Die kalte Luft schlug mir ins Gesicht und blies mein Haar, das mir bis zur Kinnspitze reichte, zur Seite. Auch, wenn ich mich so lange es ging dagegen sträubte wie ich konnte, hätte Ma wohl bald meine Haare geschnitten, bevor wir das nächste Mal Besuch bekamen und Mrs. Harvey wieder sagte, ich sähe aus wie ein Mädchen. Das alte Ehepaar, das ursprünglich aus England, einem weit entfernten Ort stammt, besorgte für uns ab und zu die Dinge, die nicht auf dem Markt verkauft wurden. Obst und Gemüse, eine neue Kurbel für die kleine Handmühle, in besonders kalten Zeiten im Winter auch etwas Kohle, Stoffe für die Gardinen, Öl für den Schlitten, Hundefutter. Die Harveys waren nicht reich, im Gegensatz zu uns aber relativ wohlhabend, und es störte sie nicht, wenn wir ihnen nicht den gesamten Betrag von dem zurückzahlten, was sie für uns ausgegeben hatten. Außerdem waren sie schon lange Zeit unsere Freunde und einzigen Bekannten, da konnte man schon mal ein Auge zudrücken. Die Sonne hatte sich inzwischen so weit bewegt, dass es gut und gern um zwei in der Früh sein konnte. Eine Windböe pfiff mir um die Ohren und ich fröstelte, doch es kam mir nicht in den Sinn, mich wieder ins Zimmer zurückzuziehen. Es hätte mir sowieso nicht geholfen. Schlafen hätte ich trotz meiner Müdigkeit nicht gekonnt, und jetzt, da mich die Frische wiederbelebte, war daran gar nicht mehr zu denken.

 
Das Pfeifen des Windes hätte beinahe das Winseln unter meinem Fenster übertönt. Ich blickte die hölzerne Wand unserer Hütte herab und schaute in zwei, im Sonnenlicht glitzernde Hundeaugen. Ich grinste und rief hinunter: »Braver Junge, Eetu! Na, kannst du auch nicht schlafen?« Eetu winselte erneut, ehe er zurück in seinen Verschlag trottete und sich dort niederließ, während er mich noch immer im Auge behielt. Den gespitzten Ohren nach zu urteilen war der Husky aber hellwach, immer begierig darauf wartend, einen Befehl erteilt zu bekommen. Oder er wollte, dass endlich irgendjemand das Licht ausmachte. Verübeln konnte man es ihm nicht. Ich beobachtete, wie unser Schlittenhund mich aus einem blauen und einem bernsteinfarbenen Auge anstarrte, und seinen Kopf auch nicht senkte - so wie es seine wilden Artgenossen taten, um einem Blickduell auszuweichen - als er erneut aus dem Schatten der Hütte herauskroch und sich unsere Blicke trafen. Dann beschloss ich doch, mich in die Wärme des Hauses zurückzuziehen, solange noch Reste von ihr in meinem Zimmer verblieben. Ma hätte es nicht gut gefunden, dass ich nachts das Fenster öffne, doch diese Nacht war keine Nacht, so wie die vielen davor und danach. Plötzlich hörte ich das leise Quietschen der sich öffnenden Luke im Boden, die den Eingang meines Zimmers verschloss, das eher eine kleine Dachkammer war, in der man nur geduckt gehen konnte. Mein Bett war auch nur eine uralte Matratze, an vielen Stellen eingerissen und durchgelegen, doch ich bezeichnete sie gern als Bett, eben weil ich mich dort ... wohlfühlte. Sie war Teil meines Zuhauses. Meines - unseres. Und damit war ich zufrieden.

 
Offenbar hatte Ma versucht, die Luke möglichst sachte zu öffnen, doch diese war so schwer, dass sie scheppernd gegen den Dachbalken schlug. Leise schimpfend steckte sie den Kopf durch das Loch und blickte sich in meinem Zimmer um. Ihr Lächeln, das ihre schiefen Vorderzähne preisgab, die jedoch so weiß waren, als würde sie sie regelmäßig putzen, beruhigte mich. »Na, Curry?«, sprach sie leise und kletterte aus der Luke und auf allen Vieren zu mir herüber. Es machte mir nichts aus, dass sie mich manchmal Curry nannte. Vor anderen Leuten - also den Harveys - war es mir vielleicht ein wenig peinlich, doch meistens waren wir sowieso nur zu zweit. Ma hockte sich neben mich und rieb sich die Arme. »Brrr, es zieht aber ganz schön hier oben. Willst du vielleicht ein Fell?«, fragte sie. Ich zuckte nur mit den Schultern. »Ist nicht nötig. Ich kann sowieso nicht schlafen.« Ma runzelte die Stirn. »Ja, weil es so kalt ist.« Ich musste grinsen und schüttelte den Kopf, obwohl mir klar war, dass Ma den wirklichen Grund kannte, weshalb ich nicht schlafen konnte. Ich war mir sicher, dass es ihr nicht anders ging, sonst hätte sie ihre hellblonden Haare nicht zu einem Dutt zusammengebunden, sondern offen über ihre schmalen, knochigen Schultern fallen lassen. Auch ich war nur ein Haufen Knochen mit einem dünnen Hautüberzug, doch beklagen konnten wir uns nicht. Ich lebte hier, bin hier sogar geboren und bisher noch nicht erfroren oder verhungert. Das war etwas, das so vielen anderen nicht gelungen ist, außerdem hatten wir sogar ein paar Vorräte, da Ma sich sehr gut darauf verstand, im vereisten See zu fischen. »Weißt du, Curry«, sagte sie nach einer Weile, in der wir uns nur angeblickt und geschwiegen hatten, » ich erinnere mich gerade an eine Geschichte über ein Mädchen, das an den Sonnenwenden erscheint.« Ich fragte gedankenversunken: »So wie der Weihnachtsmann, aber auch im Sommer?« »Na ja, so ähnlich«, meinte Ma. Ich versuchte mir eine jüngere Version von ihr mit einem weißen Rauschebart, so einen wie Mr. Harvey ihn ansatzweise hatte, und einer roten Mütze vorzustellen. So, wie Mrs. Harvey mir den Weihnachtsmann aus dem fernen England beschrieben hatte. Es fiel unheimlich schwer, mir ein Mädchen vorzustellen, weil ich fast noch nie eines gesehen hatte. Ich kannte nur zwei Frauen, Ma und Mrs. Harvey. Im Dorf wohnten sehr wenige Kinder, und diese sahen nicht aus wie Ma oder ich. Ich wusste, dass Ma vor meiner Geburt wo anders gelebt hat, doch obwohl diese Gegend meine Heimat war, fühlte ich mich vor allem im Dorf fremd. So, als würden wir hier nicht hingehören. Nur die Harveys sahen uns ähnlich – ihre Augen war runder, ihre Nasen länger und ihre Gesichter spitzer als die der Menschen hier. Wir waren die Fremden und würden es immer bleiben. Ich wusste es, Ma wusste es, doch wir sprachen nie darüber. Nun jedoch redete sie von dem Mädchen, das wie der Weihnachtsmann war, aber auch im Sommer erschien. »Sie bringt keine Geschenke, also nichts, was man in der Hand halten kann, wenn du verstehst, was ich meine. Es sind geistige Dinge, die sie beschert, so etwas wie Einsicht und Erkenntnis.«, sprach Ma weiter und ich war mir nicht sicher, ob ich nach den Worten Einsicht und Erkenntnis noch zuhören wollte, doch Ma zuliebe tat ich es. Sie wollte etwas erzählen, um mich zu beruhigen. »Es passiert in der Mittsommer- und auch in der Mittwinternacht, wenn man im Schnee spazieren geht -« »Wer geht denn nachts draußen spazieren?«, unterbrach ich sie. »Im Sommer ist es ja schön, ab auch im Winter, wenn sich die Sonne nie blicken lässt? Das ist doch viel zu kalt - egal zu welcher Tageszeit.« Ma jedoch tat so, als hätte sie mich nicht gehört, und fuhr fort: »- und man hört aus der Ferne ein Flötenspiel. Leise, leise, wie der fallende Schnee und der pfeifende Wind. Doch die Melodie ist seltsam, sie ist wunderschön, aber doch so ... anders. Sobald sie erklingt weißt du, dass sie nur dir gilt, nur für dich bestimmt ist. Dass sie von deinen Herzenswünschen erzählt, von deinen Ängsten, deinen Träumen, deiner Trauer.« Ich verzog das Gesicht. »Und wenn ich gar nicht traurig bin?«, versuchte ich sie aus dem Konzept zu bringen. Ma lächelte: »Die Trauer ist unser ewiger Begleiter, mein Kind. Manchmal geht sie für eine Weile, aber sie wird uns nie für lange Zeit verlassen.« Musste man nicht erst mal etwas besitzen, um über dessen Verlust traurig zu sein? Ich hatte Ma und ich hatte Eetu, sonst nichts. Ich wollte nicht weiter darüber nachdenken. Sollte ich noch weiter zuhören? Es interessierte mich nicht mehr, doch Ma schien meine Gedanken nicht gelesen zu haben. »Die meisten Leute folgen diesem Flötenklang - fast alle, nur ganz wenige widerstehen. Wer zur Quelle der Melodie gelangt, sieht ein Feuer brennen - ein Lagerfeuer. Davor sitzt ein Mädchen, in Lumpen gekleidet, und spielt auf einer hölzernen Querflöte. Es bittet den Ankömmling, sich zu setzen und unterhält sich mit ihm. Nach einer Weile steht dieser dann auf und geht. « Ich sah sie fragend an. »Einfach so? Das würde ich nicht machen. Ist das nicht furchtbar unhöflich?« Ma sah aus, als hätte sie gehofft, dass ich diese Frage stellen würde. »In den Augen des Mädchens ist es das nicht. Es wartet darauf, dass er geht, weil es bedeutet, dass er etwas Wichtiges erfahren hat, etwas, das sein Leben ändern wird. Das muss nicht unbedingt etwas Bedeutendes sein, es kann sich auch um ganz schlichte Dinge handeln, wie ... die Position der Holzscheite im Kamin«, sagte sie und formte mit ihren Händen die Symbole für Feuer und Holz, wie es die Dorfbewohner taten. Ich musste lachen, auch wenn ich nicht wusste, ob die Sache mit dem Kamin ein Scherz war. »Woher weiß die denn, wie das Holz in unserem Kamin liegt?«, fragte ich nach. Ma antwortete: »Sie weiß eben ziemlich viel.« Kurz schien sie zu überlegen, was sie noch sagen könnte, oder sie wartete darauf, dass ich eine Frage stellte. Aber mir war nicht nach Fragen zumute. Es war immer noch sehr kalt, doch die Müdigkeit hatte mich trotzdem wieder eingeholt. Wie lang war die Mitternacht nun her? Zweieinhalb Stunden? Drei? Ich hasste sie, die Mittsommernacht. »Ich glaube, die Menschen dieser Gegend kennen das Mädchen nicht. Sie erzählen sich andere Geschichten. Großvater hat so viele Sagen hierher mitgebracht.  Er war ein guter Erzähler, voller Sanftmut und Weisheit. Es sind gälische Sagen, weißt du?« Ich nickte langsam. Ich wusste nicht, was Gälisch eigentlich bedeutete. Es hatte was mit Mas alter Heimat zu tun, das war mir klar, doch ich konnte mir darunter überhaupt nichts vorstellen. Ein Land ohne Schnee und Eis! Es klang wie ein Traum, wie etwas Unmögliches. Ma sprach nicht viel darüber. Sie erklärte mir einmal, dass mein Name, Corey, soviel bedeutete wie Gottes Frieden, Friedenbringer oder aber der, der vom Hügel kommt. Ich hatte sie gefragt, warum sie mich so nannte, was Corey für sie selbst bedeutete, warum mein Name so anders war als die der Menschen im Dorf. Sie hatte kichernd geantwortet: »Du erwartest sicher eine tiefgründige Weisheit von mir, aber in Wahrheit fand ich den Namen einfach schön.« Auch ihr eigener Name, Eilidh, war gälisch. Man sprach es wie Eili aus, da das dh nicht betont wurde. Ich kann schreiben, deshalb weiß ich das, Ma hat es mir beigebracht. Meine Sprache war aber Englisch, wie die der Harveys. Ma sang manchmal auf Gälisch, oft weinte sie dann auch. Ich mochte Gälisch deswegen nicht.

 
Mir war gar nicht aufgefallen, dass Ma nun wieder eine Weile geschwiegen hatte, als sie fortfuhr: »Kennst du das gälische Wort für 'Eis', Curry? Es lautet ‚deighe'. Das ist auch der Name dieses Mädchens. Deighe. Denn es kommt aus der eisigen Kälte und es bringt sie zu dir, wenn du ihr näherkommst.« Für mich ergab das nicht viel Sinn. Wenn dieses Mädchen - Deighe - doch eigentlich gut war, wieso brachte sie dann Kälte statt Wärme? Andererseits konnte sich ihr Besucher ja am Feuer wärmen, oder war es dort auch kalt? Wieso machte ich mir eigentlich so viele Gedanken darüber? Mas Großvater schien einfach ein schräger Vogel gewesen zu sein. »Und warum tut sie das?«, fragte ich schlussendlich, nur um noch etwas zu sagen. »Ich meine, wieso bringt diese Deighe den Menschen Einsicht und Erkenntnis. Gibt es da einen Haken?« Ma lächelte: »Klingt so, als wärst du drauf und dran, sie persönlich zu treffen. Vielleicht verrät sie es dir. Ich weiß nicht, wieso sie das tut, es ist wahrscheinlich ihre Aufgabe. Sie ist schließlich kein Mensch, weißt du? Sie ist ein Wintergeist und sie lebt hier, im ewigen Winter. Ein Mensch würde nicht überleben, wenn er nur ein altes Hemd und eine dünne Hose trüge, und ein Mensch könnte niemals so Flöte spielen, wie Deighe es kann.« Kein Mensch? Also war dieses Mädchen wie ein Tier? Nein, ein Geist. Was genau war ein Geist? Ma warf einen Blick aus dem Fenster, runzelte die Stirn und murmelte: »Es sieht nach Morgen aus.« Dann strahlte sie mich an. »Kommst du mit? Wir könnten mit Eetu zum See laufen und dort ein wenig fischen. Danach können wir es ja noch einmal mit dem Schlafen versuchen.« Ich nickte und erhob mich, nur um mir kurz darauf an der Decke den Kopf zu stoßen. Da wohnte ich schon mein ganzes Leben lang hier oben und konnte trotzdem nie die Höhe der Decke abschätzen. Aber wahrscheinlich lag das auch daran, dass ich in Gedanken gerade bei einem Flöte-spielenden Wintergeist war, der aussah wie ein in Lumpen gekleidete Weihnachtsmann, nur als Mädchen. Und ich vergaß für eine Weile die Sommersonnenwende – diese weiße Nacht, die mir zuflüsterte, dass bald die bittere Kälte und die Dunkelheit zurückkehren würden.



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