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Rezension: Der ewige Antisemit von Henryk M. Broder

Abigail Rook Author
Veröffentlicht von in Sachbuch · 3 Februar 2020
Ich bin ein Antisemit. Ich wusste es bloß noch nicht.

Das ist zumindest das Fazit, das ich aus der Lektüre ziehen sollte, ginge es nach Henryk M. Broder, denn wir Deutschen, ob links oder rechts, ob intellektuell oder bildungsfern, wir alle sind intrinsisch, also aus uns selbst heraus, judenfeindlich.
Wir Deutschen frönen einem Antisemitismus, der sich selbst genügt. Der weder Grund noch Motiv braucht, ja, noch nicht einmal Juden.
"Der Antisemitismus will nur sich selber. Er ist nicht etwa ein Mittel zu einem Zwecke. Der einzige Zweck des Antisemitismus ist der Antisemitismus. Man ist Antisemit, um Antisemit zu sein. Man schwelgt in diesem Gefühle", zitiert Broder etwa den österreichischen Schriftsteller Hermann Bahr.
 
Indem er alle nicht-jüdischen Leser zu Antisemiten macht, ob diese es selbst so sehen, oder nicht, entzieht Broder ihnen jegliche Berechtigung für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Text. Alles, was ich hier an Einwänden vorbringen könnte, ist somit per definitionem antisemitisch. Selbst mein nachfolgender Versuch, so objektiv und wertungsfrei wie möglich an dieses Buch heranzugehen, würde Broder nicht vom Gegenteil überzeugen. Aber egal, er liest es ja nicht…
 
"Der ewige Antisemit" ist eine Abhandlung über die deutsche (und weltweite) Judenfeindlichkeit und wurde erstmals im Jahr 1986 veröffentlicht. Die, letztes Jahr erschienene, Neuausgabe enthält zwei lange Vorworte aus den Jahren 2005 und 2018. Der eigentliche Text ist gar nicht so viel länger als die Vorworte zusammengenommen, in denen er die Aktualität seines alten Textes betont und sogar behauptet, dass alles jetzt noch viel schlimmer sei, als er es damals gedacht hatte.
 
Was habe ich mir von dem Buch versprochen?
 
Ich kenne ein paar Kolumnen von Henryk M. Broder aus "Der Spiegel" und "Die Welt". Die waren oft polemisch, meist jedoch exzellent formuliert und sehr pointiert. Ich erwartete also in erster Linie ein sprachlich ausgezeichnetes Leseerlebnis. Diesbezüglich wurde ich nicht enttäuscht.

Ich hatte Herrn Broder bisher ins rechts-intellektuelle Lager eingeordnet – also als jemanden, den man kritisch lesen sollte, um die Argumente der Rechtskonservativen kennenzulernen, aber nicht als jemanden, den ich mögen muss. Das mit dem Mögen hat sich nach dem Lesen dieses Buches auch nicht geändert. Ich muss zugeben, dass ich bis dahin noch nicht einmal gewusst habe, dass er ein polnischstämmiger Jude ist. Diese neue Erkenntnis ändert aber nichts an meiner Einschätzung zu seiner Person (Broder würde jetzt sagen, dass er das nicht glaubt, aber egal.)

Der Titel "Der ewige Antisemit" ist eine Anspielung auf die hinreichend bekannte antisemitische Hetz- und Propagandaaustellung der Nationalsozialisten mit dem Namen "Der ewige Jude" und als solcher gut gewählt. Er ist griffig und er ist provokant.
 
Versprochen habe ich mir außerdem eine Abhandlung über die unterschiedlichen Gründe, die zur Judenfeindlichkeit, die es schon seit Jahrtausenden gibt und offenbar nicht verschwinden will, führen.
 
Diese Erwartung wurde nicht erfüllt. Alle Theorien über ökonomische, religiöse und sozio- beziehungsweise psychologische Gründe lehnt Broder ab und erklärt ihre Befürworter umgehend zu Antisemiten. Und genau mit dieser – im gesamten Buch allgegenwärtigen – Ad-hominem-Argumentation habe ich ein Problem. Sie ist dialektisch fragwürdig und in den meisten Fällen auch unfair. Hinzu kommt Cherry-Picking  - Broder pocht zum Beispiel auf das unbestreitbare Selbstverteidigungsrecht Israels, lässt aber die aggressive Siedlungspolitik im ganzen Buch völlig unerwähnt, weil es in seine Argumentationskette nicht passt, oder weil er hier kein Whataboutthismus betreiben kann, denn ein anderes Land mit einer ähnlichen Ausbreitungstendenz, auf das er mit dem Finger zeigen könnte, ist ihm offenbar nicht eingefallen. Kritik an Israels Völkerrechtsverletzungen hingegen begegnet er mit der Infragestellung des Urteilsvermögens des Kritikers und sieht eine pathologische Fokussierung auf Israel und die Juden, was er wiederum als Beleg für einen ubiquitären Antisemitismus ansieht.
 
Da Israel aber in erster Linie als Teil der westlichen Welt und damit unseres Wertecanons angesehen wird, wiegen Völker- und Menschenrechtsverletzungen besonders schwer, verstehen wir uns doch als Hüter dieser Moralkonstrukte. Dass Broder das nicht differenzierter betrachtet, nehme ich ihm übel, da er genau weiß, dass seine Verallgemeinerungen nichts anderes sind als Polemik.
 
Dabei will ich gar nicht sagen, dass er nicht auch überzeugende Argumente gebracht hätte. Die Mähr vom allmächtigen Weltjudentum widerlegt er gekonnt:
 
"Aber das Weltjudentum ist so mächtig, dass es die Alliierten im Zweiten Weltkrieg nicht mal dazu bewegen konnte, die Eisenbahngleise nach Auschwitz zu bombardieren, und die USA nicht davon abhalten, AWACS-Flugzeuge an Saudi-Arabien zu verkaufen."
 
Es gibt auch viele andere Stellen, an denen es ihm gelingt, mich, als in dieser Thematik weitgehend unbeleckten Leser, einzufangen. Viele Anekdoten und Beispiele wirken jedoch konstruiert oder belanglos. Sie beweisen letztlich vor allem das nicht, was Broder von Anfang an postuliert: dass der Antisemitismus allgegenwärtig in jedem von uns schlummert und unauslöschbar ist.
 
Und eine seiner zentralen Thesen, nämlich die des Unterschieds zwischen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus, widerlegt der deutsche Osten schon seit Jahren.

"Der wichtigste Unterschied zwischen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit besteht darin, dass zur Fremdenfeindlichkeit Fremde gehören, die man sehen, hören, riechen kann…. Ohne Fremde in der unmittelbaren Umgebung kann es keine Fremdenfeindlichkeit geben. Ganz anders dagegen beim Antisemitismus…. (dieses) kollektive Phänomen kann auch sehr gut ohne Juden existieren."
 
Das Vorhandensein von Fremden ist keine Voraussetzung für Fremdenfeindlichkeit. In Brandenburg gibt es weder eine nennenwerte Anzahl von Juden, noch von Ausländern.

Abschließend etwas ganz Banales. Ich habe die Kindle Version für 9,99€ gekauft. Auf jeder zweiten Seite gibt es Formatierungsfehler, meist fehlen Leerzeichen, weswegen einige Wörter nur schwer zu entziffern sind. Wenn Broder ein Selbstpublisher wäre, würde ich da wohlwollend drüber wegsehen. So gibt es aber einen Stern Abzug.


3 von 5 Sternen, weil es letzlich doch sehr interessant zu lesen war.


Taschenbuch: 328 Seiten
Verlag: Piper Edition; Auflage: 1. (4. September 2018)
ISBN-13: 978-3492550352





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